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Rede: Unsichtbare Not sichtbar machen: Frauen in der Wohnungslosigkeit

Woh­nungs­lose Frauen blei­ben oft unsicht­bar mit gra­vie­ren­den Fol­gen. Die Rede macht deut­lich: Es braucht geschützte Hilfs­an­ge­bote, bes­sere Daten und vor allem die kon­se­quente Umset­zung des Natio­na­len Akti­ons­plans. Der Schlüs­sel liegt in Housing First, denn eine eigene Woh­nung bedeu­tet Schutz, Sta­bi­li­tät und Würde.

Pro­to­koll der Rede vom 26.03.2026

Syl­via Rie­ten­berg (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Sehr geehr­ter Herr Prä­si­dent! Sehr geehrte Kolleginnen und Kol­le­gen! Wenn Sie sich einen woh­nungs­lo­sen Men­schen vor­stel­len, wel­ches Bild haben Sie vor Augen?
Ein Mann im Schlaf­sack, ver­wahr­lost, irgendwo unter einer Brü­cke?
Ja, das ist Rea­li­tät; aber es ist eben nur ein Teil der Rea­li­tät. So machen Frauen zum Bei­spiel, das ist schon öfter gesagt wor­den, weni­ger als 40 Pro­zent der woh­nungs­lo­sen Men­schen in der Sta­tis­tik aus. Das
heißt aber nicht, dass weni­ger Frauen woh­nungs­los sind, son­dern dass die Sta­tis­tik sie nicht erfasst. Hier spricht man von ver­deck­ter Woh­nungs­lo­sig­keit. Woh­nungs­lose Frauen schla­fen häu­fi­ger bei Bekann­ten oder neh­men aus finan­zi­el­ler Abhän­gig­keit gewalt­tä­tige Bezie­hun­gen in Kauf, die ihnen ver­meint­lich ein Dach über dem Kopf bie­ten. Und was dann zunächst wie eine Lösung klingt, ist oft ein Leben in Abhän­gig­keit, ohne Sicher­heit, ohne Kon­trolle über den eige­nen All­tag. Denn für jede dritte woh­nungs­lose Frau enden diese Situa­tio­nen in sexu­el­len Über­grif­fen, Ver­ge­wal­ti­gung oder in unfrei­wil­li­ger Pro­sti­tu­tion.

Fakt ist aber auch: Selbst dort, wo insti­tu­tio­nelle Hilfe exis­tiert, ist sie für Frauen oft nicht aus­rei­chend. Zum Bei­spiel feh­len in den meist männ­lich domi­nier­ten Not­un­ter­künf­ten kapa­zi­täts­be­dingt geschützte Räume, so dass hier sogar jede zweite Frau gewalt­tä­tige und sexu­elle Über­griffe erlebt. Hinzu kommt, dass oft der Zugang zu Hygie­ne­ar­ti­keln und sepa­ra­ten Sani­tär­an­la­gen fehlt. Das bedeu­tet nicht nur Unwohl­sein, son­dern auch den Ver­lust der Intim­sphäre und für viele Frauen damit auch den Ver­lust der eige­nen Würde. Es sollte daher nicht über­ra­schen, dass Frauen diese Hilfs­an­ge­bote auf­su­chen, wodurch sie kaum von der Sta­tis­tik erfasst wer­den kön­nen.
Liebe Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, der Antrag der Lin­ken benennt viele die­ser Pro­bleme zu Recht. Ja, wir
brau­chen bes­sere Daten, und ja, wir brau­chen mehr Schutz­räume. Ja, wir müs­sen die spe­zi­fi­schen Bedarfe
von Frauen kon­se­quen­ter berück­sich­ti­gen.

(Bei­fall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abge­ord­ne­ten der Lin­ken)

Aber ent­schei­dend ist, dass wir das umset­zen, was wir schon längst beschlos­sen haben. Mit dem Natio­na­len Akti­ons­plan zur Über­win­dung von Woh­nungs­lo­sig­keit haben wir in der letz­ten Legis­la­tur näm­lich erst­mals eine umfas­sende Stra­te­gie auf den Weg gebracht, um Woh­nungs­lo­sig­keit bun­des­weit bis 2030 zu über­win­den.
Und es ist rich­tig, dass die aktu­elle schwarz-rote Koali­tion an die­sen Plä­nen fest­hält und diese fort­führt. Jetzt kommt es aber dar­auf an, dass aus die­ser Absichts­er­klä­rung nun eine kon­krete Umset­zung folgt.
Als Koor­di­na­to­rin des Housing-First-Fonds-Pro­jek­tes
in Nord­rhein-West­fa­len habe ich selbst erlebt, was wirk­lich gegen Woh­nungs­lo­sig­keit hilft. Es ist ganz sim­pel: Der Weg weg von der Straße muss zur eige­nen Woh­nung füh­ren.

(Bei­fall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Auf­grund struk­tu­rel­ler Dis­kri­mi­nie­rung von bestimm­ten mar­gi­na­li­sier­ten Per­so­nen brau­chen woh­nungs­lose Men­schen daher staat­li­che Hil­fen, aber auch Struk­tu­ren, zum Bei­spiel die von Housing First, die es ihnen ermög­li­chen, eine Woh­nung zu bekom­men. Bei Housing First erhal­ten obdach­lose Men­schen Woh­nun­gen ohne Vor­be­din­gun­gen. Es geht direkt in eine eigene Woh­nung, und diese
ver­än­dert oft alles: Sie gibt Sta­bi­li­tät, sie gibt ein Zuhause, sie gibt Schutz, und sie gibt den Men­schen, ins­be­son­dere den Frauen, ihre Würde zurück.

(Bei­fall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wir brau­chen jetzt vor allem eins: die kon­se­quente Umset­zung des Akti­ons­plans, pass­ge­naue Hil­fen für
Frauen, mehr bezahl­ba­ren Wohn­raum sowie staat­li­che Struk­tu­ren, die woh­nungs­lose Men­schen in diese Woh­nun­gen brin­gen. Die heu­tige Debatte hat wie­der ein­mal gezeigt, dass sich alle demo­kra­ti­schen Frak­tio­nen darin einig sind, dass drin­gend etwas gegen Woh­nungs­lo­sig­keit getan wer­den muss. Die Bekämp­fung von Woh­nungs­lo­sig­keit darf kein Par­tei­po­li­ti­kum sein.
Sehr geehrte Frau Staats­se­kre­tä­rin Posch­mann, ich habe es Ihnen und auch ande­ren schon gesagt – und ich sage es mit Über­zeu­gung noch mal hier in der Öffent­lich­keit: Wenn Sie und diese Regie­rung den Kampf gegen Woh­nungs­lo­sig­keit ernst­haft ange­hen, dann kön­nen Sie auf unsere Unter­stüt­zung zäh­len.
Vie­len Dank.

(Bei­fall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)