Menschen brauchen Förderung und keine Bestrafung | Rede im Bundestag
Die Bundesregierung will die Grundsicherung wieder auf Druck und Sanktionen ausrichten und Ukrainer*innen künftig in das Asylbewerberleistungsgesetz drängen. Die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen stellen uns dieser Rolle rückwärts entgegen: mit zwei Anträgen für eine gerechte Grundsicherung, die Menschen fördert statt stigmatisiert, und für Integration ohne Chaos und neue Bürokratie.
In der Plenardebatte zur ersten Lesung der geplanten Grundsicherungsreform sowie zum Rechtskreiswechsel für Schutzsuchende aus der Ukraine zeigt sich ein problematischer Kurswechsel der Bundesregierung: Statt nachhaltiger Integration durch Qualifizierung und Unterstützung drohen Sanktionsverschärfungen, weniger Weiterbildung und eine Rückkehr zum Vermittlungsvorrang, trotz der Lehren aus der Hartz-IV-Zeit.
„Chancen statt Stigmatisierung – Für eine gerechte Grundsicherung“ (Drucksache 21/3606)
„Chancen statt Chaos – Bürokratie abbauen, Integration ukrainischer Geflüchteter sichern“ (Drucksache 21/2802)
Protokoll der Rede
Sylvia Rietenberg (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Wer heute ernsthaft darüber sprechen will, wie Menschen aus dem Grundsicherungsbezug wieder in Arbeit kommen, der sollte vor allen Dingen mit dem Mythos aufräumen, dass es diesen Menschen an Motivation fehlt.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Es fehlt an passenden Chancen.
Schauen Sie doch mal in die Statistiken! Nur für rund ein Viertel aller offenen Stellen braucht man keinen Berufsabschluss. Und selbst wenn Sie diese Stellen alle sofort besetzen, was wollen Sie dann den restlichen 900 000 Menschen ohne Abschluss anbieten? — Sanktionen? Druck? Ernsthaft?
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der Linken)
Wir sollten doch alle aus der Hartz-IV-Zeit Folgendes gelernt haben: Kurzsichtige Vermittlung um jeden Preis führt häufig in befristete, schlecht bezahlte Beschäftigung und bald wieder zurück ins Jobcenter.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN — Britta Haßelmann (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Drehtüreffekt!)
Langfristig aus dem Leistungsbezug kommt, wer einen Berufsabschluss nachholt, wer gesundheitlich stabilisiert wird, wer passgenau begleitet wird. Was hilft also wirklich? Zum Beispiel Qualifizierung und Vermittlungsarbeit auf Augenhöhe, und genau deshalb war das Bürgergeld ein richtiger Schritt:
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)
mehr Zeit für Beratung, mehr Zeit für Weiterbildung.
Die Bundesregierung geht aber nun den entgegengesetzten Weg. Sie schwächt Qualifizierung, verschärft Sanktionen und setzt wieder — wir haben es gerade gehört — auf den Vermittlungsvorrang.
Wir Grüne sagen klar: Diese Rolle rückwärts machen wir nicht mit. Sie ist arbeitsmarktpolitisch kurzsichtig und sozialpolitisch falsch.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Dass es auch anders geht, zeigt ein Blick in unsere Anträge. Wir brauchen ausreichend Mittel für Weiterbildung, Coaching, den sozialen Arbeitsmarkt. Wir brauchen Unterstützung für Menschen mit psychischen Belastungen, für Alleinerziehende, für Menschen ohne Berufsabschluss. Und wir brauchen eine Arbeitsvermittlung, die nicht auf Angst setzt, sondern auf Zutrauen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Wir stehen zum Grundsatz: Menschen brauchen Förderung und keine Bestrafung.
Vielen Dank.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)